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Kühe weideten einst in Wäldern - geschrieben von Rainer Kutscher, Lerbach
"Ins
Holz ziehen und im Walde hüten"
Jedes
Grasbüschel war wichtig
Aus
der Geschichte der alten Oberharzer Hut- und Weidegerechtsame
OBERHARZ. Die Bergwiesen sind eine natürliche und geschichtliche
Eigenart des Oberharzes zugleich und ihre Erhaltung eine wichtige Aufgabe
für einen Erholungsort. In diesem Zusammenhang will die kleine
Serie an die alte Hut- und Weidegerechtsame, die Oberharzer "Damenkapellen"
und das Leben der Hirten erinnern.
Die Viehwirtschaft mit Kuh oder auch Ziege sicherte
wichtige Existenzgrundlagen. Im Oberharz war für das Rotvieh die
Waldweide die Ernährungsquelle, von Mai bis Oktober wurden die
Kuhherden in die nahen Wälder getrieben. Die Bergwiesen hingegen
nützte man für die Heugewinnung. Über Jahrhunderte entstand
so eine Kulturlandschaft, die nicht ausschließlich vom Bergbau
geprägt wurde und mit ihrem Artenreichtum bis heute eine Augenweide
nicht nur für Touristen ist.
Letzte
Herde zog 1962
Vor 40 Jahren im Herbst 1962
trieb der Lerbacher Kuhhirte Bruno Arend zum letzten Mal seine Herde
aus. In Lerbach wurden im Jahr 1873 noch 175 Stück Hornvieh gezählt,
in Buntenbock gab es 1893 noch 217 Stück Rindvieh, im Altkreis
Zellerfeld betrug damals die Gesamtzahl 3187 Stück. Nach 1950 ging
die private Viehhaltung im ganzen Oberharz zurück, der Fremdenverkehr
war eine neue Erwerbsquelle geworden.
Verjährung
verhindert
Heute erinnern als Gastwirtschaften der "Rinderstall"
bei St. Andreasberg und das "Molkenhaus" bei Bad Harzburg
an die Stallungen für das Vieh, das früher den ganzen Sommer
auf der Waldweide blieb und jeden Abend gemolken wurde. Das Bergdorf
Lerbach verdankt seine Entstehung dem Osteroder Rinderstall, was urkundlich
belegt ist.
Die alte Gerechtsame aus der Zeit der Entstehung der
Bergstädte und Orte beinhaltet, dass die Hut- und Weiderechte endgültig
verjähren, wenn 30 Jahre lang keine Kuhherde in den Wald getrieben
und kein kommunaler Hirte ernannt wurde. Dem tun die Bergstädte
St. Andreasberg und Wildemann mit dem jährlichen Kuhaustrieb oder
das Fuhrherrendorf Buntenbock mit den Hut-und Weidetagen Genüge.
In Lerbach ist das alte Waldweiderecht endgültig verjährt.
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"Ins
Holz ziehen und im Walde hüten"
Hut und Weide im Oberharz-2. Teil: Die „Dienstinstruction"
regelte Stellung und Aufgaben des Hirten
OBERHARZ. Über die Aufgaben und Stellung eines Gemeindehirten vor 150 Jahren
gibt eine "Dienstinstruction" aus Lerbach vom 23. April 1844
Auskunft. "Derselbe soll sein Verhältnis zu der Gemeinde
nicht vergessen, sich in derselben jederzeit ehrbar und höflich
bezeigen", heißt es darin. "Er muss das ihm anvertraute
Vieh als sein Eigentum behandeln und zugleich das Vieh des Einen nicht
vorziehen und das des Anderen zurücksetzen oder auch nur verächtlich
beurteilen."
Bei "nachdrücklicher Strafe" war es dem Gemeindehirten verboten,
"ohne besondere Noth und besondere Erlaubnis eines Gemeindevorstehers"
die Herde allein zu lassen, auch über Nacht durfte der Hirte sich
nicht aus dem Dorf entfernen.
Ordnungsgemäßes
Treiben
Er
war "für das ordnungsgemäße Treiben und Weiden
des Viehs" verantwortlich und haftete für "jeden Schaden
bei der Herde, welche durch seine oder seiner Gehülfen Schuld oder
Fahrlässigkeit, ungebührliches Treiben oder Hundehetzen und
mangelnde Beaufsichtigung, worauf Erhitzungen, Beinbrüche oder
sonstige Verletzungen des Kuhviehes herkommen."
Auch über veterinärmedizinisches Grundwissen
musste der Gemeindehirte verfügen, den Tieren Geburtshilfe leisten
und leichtere Verletzungen behandeln können sowie Maßnahmen
des Seuchenschutzes kennen."Bei gewöhnlichen Übeln
oder Beschädigungen des Viehes muss es der Kuhhirte verstehen,
Salben und Haarteile zu legen und Klistiere zu setzen,.." hieß
es weiter, bei Aufblähen oder Verstopfung hatte er nur im Notfall
selbst einzuschreiten, sonst musste er "dergleichen erst mit dem
Eigentümer des Viehs und mit dem herbeizuholenden Tierarzte bereden
und ausführen." Für einen Vierteljahreslohn von acht
Groschen und elf Pfennigen "exet. des üblichen Glockengeldes
und in theurer Zeit ... auch wohl als eine freiwillige Gabe der Viehhaltenden
ein Brod zu Pfingsten oder 4 gute Groschen Verwöhnungsgeld"
wurde der Gemeindehirte alle Jahre um Martini (November) für den
nächsten Sommer gedungen. Seinerseits durfte er einen Gehilfen
oder Hütejungen in Dienst nehmen, über deren "Treue
und höfliche Bescheidenheit" er zu "wachen und zu sorgen" hatte.
Die Weidesaison dauerte vom Frühjahr,
"so bald es irgend dem Wetter thunlich und im Holze einigermaßen
Futter steht" bis in den Oktober 'hinein. Zum Austrieb ab 5 Uhr
morgens war der Hirte gehalten, "die Herde in vier, mindestens
doch drei Abteilungen" zu teilen, damit das Vieh nicht "in
einem Haufen durch den Ort getrieben" und dadurch die Hauptstraße
blockiert würde.
Wie lange das Vieh auf der Weide blieb, richtete sich
danach, ob "noch milchende" Kühe in der Herde waren,
die dann bis sechs Uhr abends wieder im heimischen Stall sein sollten,
und ansonsten nach Tageslänge und Witterung.
Die Wiesen sollten im Herbst nicht wieder behütet werden, bis Gras
und Grummet (Heu vom zweiten Schnitt) eingefahren waren. So lange musste
er mit der Herde "ins Holz ziehen und im Walde hüten,
als wie noch Gras genug darin fürs Vieh zu haben ist".
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Jedes Grasbüschel war wichtig
Nur mit viel Heu konnten die Oberharzer ihre Rotbraunen über den
Winter bringen
Von Rainer Kutscher
OBERHARZ. Die Versorgung
der "Rotbraunen", dem stolzen, wertvollen und lebenswichtigen
Besitz der Rinderhalter, beschäftigte in früheren Zeiten das
ganze Jahr über die gesamte Familie. Spätestens Martini, am
11. November, endete die Weidezeit und die Kühe und Rinder blieben
bis zum Frühjahrsaustrieb im Stall. Daher spielte die Gewinnung
von Heu als einziger Futtergrundlage für den Winter eine bedeutende
Rolle.
Für sieben Monate Winterfütterung, vom November
bis zum April, waren rund 2000 Kilogramm Heu pro Rind erforderlich,
durchschnittlich zehn Kilo pro Tier und Tag. Zur Düngung wurde
der gesamte Stallmist im Winterhalbjahr auf die Wiesen transportiert.
Das geschah in Holzkiepen, wobei die Frauen sprichwörtlich die
Hauptlast zu tragen hatten. Ihnen oblag auch die Trocknung des Heus
und der Transport der Heubunde. Diese waren teilweise 1,50 Meter hoch
und wurden auf dem Rücken nach Hause getragen. Auch Kinder von
zwölf Jahren an wurden - mit kleineren Heubündeln - zu dieser
Arbeit herangezogen. Heute erinnert in einigen Orten des Oberharzes
der "Grasedanz" an die beschwerliche Arbeit.
Das Heumachen, wie die Alten sagten, erfolgte an drei
Tagen im Frühsommer. Kräftige Männerhände bereiteten
mit weit ausholenden Sensenhieben der Wiesenblütenpracht ein jähes
Ende. Die Mahd verrichteten die Männer an Wochentagen vor ihrer
Arbeit und auch Sonn- und Feiertage wurden nicht ausgeklammert. Höllisch
mussten sie dabei auf die Grundstücksgrenzen aufpassen, jedes Grasbüschel
war wichtig.
Auch die Kinder halfen bei der Heuernte: Rosemarie und Lieselotte Bertram
trugen kleine Heubunde für die geliebten Rotbraunen nach Hause.
Das Foto entstand Mitte der 30er-Jahre.
Foto: Archiv Kutscher
In langen Schwaden lag das Gras aus und wurde zum
Trocknen von den Frauen mit den Händen gleichmäßig ausgestreut.
Mehrmals ging es dann mit der handgefertigten hölzernen Harke reihauf,
reihab, einmal nach links und einmal nach rechts wurde das Heu im würzigen
Duft gewendet. Stand die Sonne hoch am Himmel, gab sie ihr Bestes zum
Trocknen. Ein alter Spruch sagt: "Das Heu muss auf der Harke trocknen".
Am Abend wurde es zusammengeharkt, damit es im Tau des nächsten
Morgens nicht zu feucht werde.
Der zweite und dritte Tag verliefen ebenso. Am dritten
Abend wurde für den Abtransport alles in Schwaden zusammengeharkt
und aus jeder Reihe die Heubündel mit einem eigens dafür geflochtenen
Strick gebunden. Bis zum letzten Grashalm wurde die Wiese blankgeharkt.
Die Frauen gingen in die Hocke und dann wurden die Bunde auf ihren Rücken
gehievt. Ihre schwere Last schleppten sie über Wiesen, Wege und
Dorfstraße nach Hause. Bei Wohnhäusern, die dicht am Berg
standen, erfolgte die "Einfuhr" direkt auf den Hausboden,
ansonsten über einen Rollenaufzug am Hausgiebel durch die Dachluke.
Von weit entlegenen Wiesen erfolgte der Transport
auch mit einem Pferdefuhrwerk. Dabei wurden die Schwaden mit langen
Gabeln auf den Wagen gereicht. Gehalten wurde das Fuder von einem langen
Heubaum, der durch eine vorn befestigte Schlinge gesteckt und mit einem
Rollholz am Wagenende mit Handstützen nach unten befestigt wurde.
Konnte das Heu nicht völlig trocken eingebracht
werden, musste man es mehrmals umlagern. Damit beugte man Schimmelbefall
vor, aber auch der Selbstentzündung.
(Fortsetzung folgt)
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